Ich hab Recht! Oder?

Dieses wunderbare Video (welches eigentlich nur Audio ist), über die Analyse eines Pamphlet der SPD, wie die Parteibasis mit der Piratenpartei umzugehen hat, zeigt genüsslich, wie unreflektiert viele heutzutage Meinungen aufschnappen und ungefiltert als Wahrheit wiedergeben:

Wobei ich hier eigentlich gar nicht so viel über den Inhalt des Videos schreiben möchte. Sondern vielmehr, wie darin von den erwähnten SPD Schreibern Meinungen aufgegriffen werden, die offensichtlich einfach mal so geglaubt werden, damit sie in den aktuellen Kontext passen. So werden aus allen Richtungen völlig unreflektiert, ob sie überhaupt belegbaren Wahrheitsgehalt besitzen oder gar in den Sozialdemokratischen Kontext passen, Sprüche herangeholt, eins zu eins Abgespult und per Baukasten zu einer Argumentation gegen die Piratenpartei zusammengebastelt.

Das zeigt nur zu schlimm, wie wenig sehr viele Bürger mittlerweile in die eigene Meinungsbildung investieren. Artikel, Tweets, ja „dumme Sprüche“ von Kollegen werden einfach mal so geglaubt, und in das eigene Vokabular übernommen. Fragt denn wirklich mal jemand nach? Auch nur ein winziges „wie meinst du das denn überhaupt“, oder ein „woher hast du das“ ? Diskutiert man so etwas nicht mehr untereinander?

Oder andersherum: Gibt heute denn noch irgendjemand einen schlüssige Erklärung ab, wenn eine Behauptung aufgestellt wird?

Ich habe das Gefühl, dass viel zu oft darauf verzichtet wird. Noch schlimmer: es kommt mir so vor, als würde eine Aussage sogar noch mehr geglaubt, wenn KEINE Herleitung oder Begründung enthalten ist. Schließlich ist das ja auch bequemer. Kostet keine Zeit.

Die Hoffnung an die Gesellschaft habe ich aber wirklich fast schon aufgegeben, wenn eine sich selbst als Volkspartei titulierende Organisation einfach nur undifferenzierte Polemik an ihre Basis als Argumentationshilfe andient. Wobei der Name an sich schon absurd ist, denn es enthält ja keine Argumente, sondern nur gesammelte Behauptungen.

Dem Sprecher finde ich es übrigens positiv anzurechnen, dass er seine Meinung zum bedingungslosen Grundeinkommen auch als solche bezeichnet (Ich teile sie im übrigen nicht, aber das in einem anderen Artikel). Ist es denn so schwierig, beim Argumentieren „ich denke“, „ich habe gehört“, „ich vermute“ voranzustellen (funktioniert auch in „wir“-Form)? Dies induziert beim Empfänger den Reflex, dies als persönliche Auffassung des Gegenübers zu identifizieren und nicht als „allgemein gültige Wahrheit“ zu interpretieren.

Ich wünsche mir einfach mehr Diskussion, mehr „ich Botschaften“, mehr kritisches Hinterfragen. Nach meiner Erfahrung führt stumpfe Bild-Zeitungs-Meinungs-Mache nur zu Streit, Wut, Hass und zu keinem Ergebnis. Aber viel zu Oft erwische ich mich auch selber dabei, Aussagen aus „vertrauenswürdigen Quellen“, sprich aus der Peer-Group, einfach so zu glauben. Und sehe viel zu selten bei anderen, dass Selbst- und Fremdreflektion geübt wird.

Was bleibt? Sich immer wieder selber vergegenwärtigen, woher die eigene Meinung kommt. Denkmodelle ständig überprüfen. Den Gegenüber ernst nehmen, aber nicht ungefragt „übernehmen“. Argumente verlangen, die eine Herleitung ermöglichen.

Vielleicht hilft’s.

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